Erste Hilfe für das Übersetzen aus dem Lateinischen

Erste HilfeVielleicht erscheint Ihnen ein lateinischer Satz auch als eine endlose Aneinanderreihung von unüberwindlichen Hürden: die Vokabeln sind oft unbekannt, man durchschaut nicht, wie sich die mühsam aus dem Wörterbuch gesuchten Bedeutungen zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen sollen, fummelt die Einzelteile dann eher schlecht als recht irgendwie zusammen und ist sich letzlich doch klar darüber, daß die ‘Lösung’ so nicht ganz stimmen kann, denn der Satz müsste doch eigentlich einen Sinn ergeben – oder spinnen die wirklich, die Römer …

Wenn Ihnen das irgendwie bekannt vorkommt, dann sollten Sie sich für das Übersetzen lateinischer Texte eine Strategie zulegen. Die folgenden Ratschläge wollen Ihnen dabei helfen. Sie sollten versuchen, sie jedesmal abzuarbeiten, wenn Sie merken, dass Ihnen ein Satz Probleme bereitet. Ich kann nicht versprechen, dass Ihnen so das Übersetzen auf Anhieb leichter fallen wird, aber ich bin mir ganz sicher, dass Sie damit nach und nach zu immer besseren Ergebnissen kommen werden, da Sie jetzt planvoll an das Übersetzen herangehen und nicht wild drauflos raten. – Also: Schaden kann’s auf keinen Fall …

(Die folgenden Vorschläge orientieren sich v. a. an der sog. Konstruktions-Methode. Mir sind die Nachteile dieser Methode – Zerstörung der ‘natürlichen’ Wortfolge, fehlender Kontext-Bezug, keinerlei Vorarbeit für die Interpretation usw. – hinlänglich bekannt. Durch die Hinzunahme einer den Inhalt betreffenden Vorbetrachtung und den kontinuierlichen Bezug auf die Sinnhaftigkeit des Textes wird diese Methode aber doch sehr nützlich; es gibt zu ihr m. E. keine ähnlich einfach handhabbare Alternative, um ein grundlegendes Verständnis jedes beliebigen lateinischen Textes zu erreichen. — Th. J. Golnik.)


(1) Verschaffen Sie sich einen ersten Überblick über den ganzen Text!

Lesen Sie den ganzen Text mehrmals in aller Ruhe durch. So bekommen Sie schon eine ganze Menge mit:

  • Eigennamen. Welche Personen kommen vor? An welchen Orten spielt der Text?
  • Wortwiederholungen und Sachfelder. Worum wird es wohl im Großen und Ganzen gehen? – Das erkennt man meist sehr gut daran, dass sich dieselben Wörter oder solche, die zu einem Themenbereich gehören, wiederholen (z. B. können Sie bei einem Text, in dem Wörter wie navis, mare und navigare reichlich vorkommen, davon ausgehen, dass es hier wohl um das Thema Seefahrt geht).
  • Tip: Oft geben Ihnen auch eine Überschrift oder ein deutscher Einleitungstext Hinweise zum Thema des Textes.

(2) Rufen Sie sich in Erinnerung, was Sie zu dem Thema/den Themen des Textes wissen!

Versuchen Sie, sich daran zu erinnern, was Sie bei der Behandlung der Realien (= Sachkunde) zu diesem Thema besprochen haben! Sie mögen jetzt einwenden, dass Ihnen dadurch wertvolle Zeit verloren geht, aber die holen Sie ganz sicher wieder heraus, denn die Übersetzung wird Ihnen leichter fallen, wenn Sie mit Ihren Gedanken in der Thematik drinstecken, z. B. ist es so bei einer Vokabel mit vielen Bedeutungen leichter, sich für die hier zutreffende zu entscheiden; manchmal kann man auch den Inhalt eines Satzes in etwa vorauszusagen, wenn man schon weiß, was tatsächlich passiert ist.

(3) Verdeutlichen Sie sich die Struktur des Satzes!

Versuchen Sie, den Hauptsatz zu identifizieren, indem Sie alles einklammern, was zu Nebensätzen gehört:

  • Nebensätze sind stets durch ein Relativpronomen, eine (unterordnende) Konjunktion oder ein Fragewort eingeleitet.

Jeder Satz (gleich ob Haupt- oder Nebensatz) ist ein Satz, d. h. er muss irgendwo (mindestens) ein Prädikat haben – solange der von Ihnen identifizierte (Neben-)Satz noch keines hat, haben Sie noch nicht alle Teile gefunden, aus denen dieser (Neben-)Satz besteht.

  • Beispiel: Tamen, ut spatium intercedere posset, dum milites, quos imperaverat, convenirent, legatis respondet …
    • HS: tamen … legatis respondet
    • NS1: ut spatium intercedere posset
    • NS2: dum milites … convenirent
    • NS3: quos imperaverat

Tip: Bei der Analyse der Struktur komplexer Sätze können graphische Methoden (z. B. die Kästchen- oder die Einrückmethode) hilfreich sein.

(4) Suchen Sie nun bei allen Sätzen zunächst einmal Subjekt und Prädikat!

Wie Sie im Grammatikunterricht sicher gelernt haben, bilden diese beiden Satzglieder den Kern des Satzes, d. h. sie enthalten die eigentliche Information; alles andere dient der näheren Erläuterung dieses Satzkerns.

  • Das Subjekt steht (außer in Hauptsätzen der indirekten Rede) immer im Nominativ. (Diese Regel gilt auch andersherum: Alles, was im Nominativ steht, ist entweder Subjekt oder bezieht sich auf das Subjekt.) Es kann jedoch passieren, dass das Subjekt nicht eigens erwähnt wird, sondern sozusagen in der Endung des Prädikats enthalten ist – dies ist immer dann der Fall, wenn es sich beim Subjekt um ein unbetontes Personalpronomen handelt, z. B. Marcus non laborat. Ludit.
  • Das Prädikat steht oft am Ende des Satzes. – Es muss sich um eine finite (= gebeugte) Verbform handeln [Ausnahme: der sog. historische Infinitiv, der allerdings höchst selten vorkommt].

Ich rate Ihnen,

  1. Subjekt und Prädikat im Text zu unterstreichen und
  2. auf einem Schmierzettel beides jeweils pro Satz zu übersetzen; dabei auf das richtige Tempus (= Zeit) und Genus verbi (= Aktiv/Passiv) der Prädikate achten (Prädikate, die im lat. Aktiv stehen, nie mit einem dt. Passiv übersetzen!).

Wenn Sie das bei allen Sätzen gemacht haben, dann steht auf Ihrem Schmierblatt jetzt bereits der „rote Faden“ des Textes: die Handelnden und ihre Handlungen. Achten Sie nun im Folgenden darauf, diesen „roten Faden“ im Blick zu behalten, d. h. lassen Sie sich nicht von den Einzelheiten der übrigen Satzglieder in die Irre führen, sondern ordnen Sie sie sinnvoll dem Satzkern zu!

(5) Versuchen Sie, Wortblöcke abzugrenzen!

Bestimmte Wörter eines Textes gehören eng zusammen. Versuchen Sie, diese Bezüge zu erkennen und durch verschiedene Farben, senkrechte Striche oder Klammern im Text abzugrenzen!

Wortblöcke sind v. a.:

  • eine Präposition (z. B. in, ad, ex) und das dazugehörige Nomen,
  • ein Adjektiv als Attribut und das dazugehörige Nomen (z. B. urbs magna),
  • Substantive, die als Genitiv-Attribut bei anderen Nomina stehen (z. B. exercitus Caesaris),
  • Appositionen, also hintereinanderstehende Nomina im gleichen Kasus (z. B. Roma urbs).

Beachten Sie, dass mitunter nähere Erläuterungen zwischen die Wortblöcke eingeschoben sind (z. B. magnum Romanorum imperium, multis cum amicis).

Ebenfalls gut abgrenzbar sind die typisch lateinischen Konstruktionen Participium coniunctum (p. c.) und Ablativus absolutus (abl. abs.). Diese bestehen aus einem Partizip und einem zugehörigen Beziehungswort – „zugehörig“ heißt: Kongruenz (= Übereinstimmung) in Kasus, Numerus und Genus. Meist sind bei beiden Konstruktionen nähere Erläuterungen vorhanden, die dann in der Regel zwischen das Partizip und sein Bestimmungswort eingeschoben sind (z. B. senatorem magna voce clamantem; Troia a Graecis expugnata).

(6) Versuchen Sie – ausgehend vom Prädikat – die Wortblöcke aneinanderzufügen!

Orientieren Sie sich dabei (1.) daran, welche Ergänzungen grammatisch vom Prädikat erfordert werden, und (2.) daran, was man wohl üblicherweise als Ergänzung erwarten würde.

zu (1.): Viele Verben verlangen Objekte, die angeben, worauf sie sich beziehen; so ist z. B. der Satz „Caesar besiegt.“ unvollständig. Hier ist nach den Regeln der Grammatik unbedingt zu ergänzen, wen oder was Caesar besiegt. Mit der Frage „Wen oder was?“ fragt man nach dem Akkusativ-Objekt: Suchen Sie also im Satz nach einem Akkusativ, der sich sinnvoll zuordnen lässt!

zu (2.): Viele Ergänzungen (manchmal Objekte, immer Adverbiale Bestimmungen) sind nicht unbedingt erforderlich (wie im oberen Beispiel das Akk.-Obj. zu „besiegen“), werden aber doch normalerweise erwartet; so ist der Satz „Caesar segelte.“ zwar vollständig, aber man erwartet doch eine nähere Erläuterung, wohin oder womit oder mit wem oder von wo aus Caesar segelte. Versuchen Sie also, Ihren gesunden Menschenverstand hinzuzuziehen, um solche freien Ergänzungen in den Wortblöcken des Satzes ausfindig zu machen und sinnvoll zuzuordnen!

(7) Machen Sie aus Ihren Übersetzungen der Sätze einen deutschen Text!

Dieser Punkt scheint besonders schwierig zu sein. Grundsätzlich aber gilt: Man kann nur übersetzen, was man verstanden hat! Deshalb sollten Sie die Übersetzungen der Einzelsätze zunächst zusammenhängend durchlesen, dadurch versuchen, die Aussage des Textes zu verstehen und erst dann daran gehen, die deutschen Sätze aufeinander abzustimmen und in ihre endgültige Form zu bringen.

Halten Sie sich dabei eines vor Augen: Jeder Text, der Ihnen vorgelegt wird, ist sinnvoll! (Es gibt auch lateinische Ga-ga-Texte, aber die sind – aus verständlichen Gründen – nicht Pflichtstoff.) Achten Sie also darauf, dass auch Ihre Übersetzung ein sinnvoller Text wird, den jeder durchschnittlich intelligente deutschsprachige Leser verstehen können muss.

Um das zu illustrieren:

„Entschließt er sich auf seine Art und Weise, Dinge so unverschämt zum Vorschein zu bringen, die aus anderem Beweggrund gegen den Willen derjenigen, deren Aufgabe es ist zu übernehmen und zu streben.“

‘Sätze’ wie dieser sind in Lateinklausuren leider ganz und gar keine Seltenheit, aber was nicht einmal ein grammatisch korrekter Satz und noch dazu unverständlicher Unsinn ist, muss falsch sein!

Hier nun noch einmal die vorgeschlagenen Schritte in Kurzfassung:

  1. Überblick über den Text verschaffen (mehrmals forschend durchlesen: Eigennamen/Wortwiederholungen/Sachfelder)
  2. bekanntes Hintergrundwissen zum Text aktivieren
  3. Struktur der Sätze analysieren (Haupt-, Nebensätze)
  4. Satzkerne ermitteln und zum „roten Faden“ machen
  5. Wortblöcken abgrenzen (Präpositionalphrasen, Attribute, Konstruktionen)
  6. die einzelnen Teile des Satzes sinnvoll dem Satzkern zuordnen (notwendige/freie Ergänzungen)
  7. Einzelsätze zu einem grammatisch korrekten und inhaltlich sinnvollen deutschen Text zusammenfügen

Ich hoffe, dass Ihnen diese Vorgehensweise helfen kann und freue mich stets über Erfahrungsberichte und Verbesserungsvorschläge.

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